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“Wie Schiffer sind wir, die ihr Schiff auf offener See umbauen müssen, ohne je von unten auf frisch anfangen zu können. Wo ein Balken weggenommen wird muss gleich ein neuer an die Stelle kommen, und dabei wird das übrige Schiff als Stütze verwendet. So kann das Schiff mit Hilfe der alten Balken und angetriebener Holzstücke vollständig neu gestaltet werden – aber nur durch allmählichen Umbau.”

Otto Neurath: Protokollsätze.

under construction!

Wir bauen um! Damit ist nicht diese Webseite gemeint. Die wird ab und zu auch umgebaut, aber darum geht es nicht, es wäre ohnehin belanglos. Die Welt bauen wir um, nichts Geringeres! Und das schon eine ganze Weile.

Der technische Umbau der Welt geht zügig voran, beschleunigt sich gar, die Erfolge sind beeindruckend. Die Lebenserwartung des Menschen hat sich seit Beginn der Industrialisierung, also innerhalb nur weniger Generationen, mehr als verdoppelt. Eines der wichtigsten, oft vorgebrachten Argumente für die Fortführung des Umbaus auf gegenwärtiger soziotechnischer Basis lautet: Noch nie in der Geschichte haben so viele Menschen so lange so gesund und so gut leben können wie heute. Ich lese, dass es mittlerweile mehr Übergewichtige als Hungernde auf der Welt gibt. Irgendwie auch ein Erfolg. Angetrieben wird die globale Transformation durch den technischen Fortschritt. Insbesondere die Allianz aus Natur- und Technikwissenschaften entfaltet eine enorme Wirksamkeit. Kein Tag vergeht, an dem nicht in unterschiedlichsten Fachgebieten neue Technologien, Materialien, Produktionsverfahren und Erkenntnisse hervorgebracht werden. Es ist aber nicht das weitreichende Netzwerk der Technik alleine, das den Umbau der Lebenswelt gestaltet und mit dem Versprechen auf eine noch bessere Zukunft vorantreibt, es gibt weitere mächtige Akteure. Die Wirtschaft sieht Wachstums- und Gewinnmöglichkeiten und investiert. Im Gegenzug fordert sie weniger Regulierung und mehr Handlungsfreiheiten. Die Politik verspricht sich Arbeitsplätze und Prosperität für ihre Bürger und fördert deshalb sowohl Wissenschaft als auch Wirtschaft. Eine mächtige Allianz also die ausgehend von technischen Entwicklungen ganz unterschiedliche Vorstellungen von Fortschritt in einer gesamtgesellschaftlichen Vision zusammenführt: wissenschaftlicher Fortschritt (Erkenntnisgewinn und technisches Knowhow), ökonomischer Fortschritt (Produktivitätssteigerung und Gütervermehrung), sozialer Fortschritt (Steigerung von Wohlstand und Lebensqualität) werden schließlich zum historischen Fortschritt einer humanen Gesellschaft führen. Soweit die positive Erzählung, dieser steht natürlich eine weniger schöne gegenüber, die wir ebenfalls schon kennen.

Statt von Umbau spricht die zweite Erzählung vom Raubbau an unseren Lebensgrundlagen. So erfolgreich im Sinne des technischen Fortschritts das implementierte soziotechnische System ist, so immens sind auch seine unerwünschten Nebenwirkungen. Die größte Aufmerksamkeit erfährt im Moment der Klimawandel. Doch auch Plastikmüllberge, Landversiegelung, Regenwaldrodungen, Umweltverschmutzung, Ressourcenverknappung, zunehmende Urbanisierung und Bevölkerungswachstum sind Schlagwörter, die uns täglich in den Medien begegnen und die Grundlage der zweiten Erzählung bilden. Unsere Agrarkulturen belasten nicht nur Böden und Trinkwasser, sie sind auch die Hauptursache für den Verlust an Biodiversität. Die Negativliste ließe sich beliebig fortsetzen. Viele Nebenwirkungen unseres technischen Handelns, zum Beispiel der Klimawandel, sind lokal längst nicht mehr zu bewältigen, sondern nur noch durch gemeinsame Anstrengungen ganzer Staatenbünde. Die global ausgerufene wirtschaftspolitische Losung zur Überwindung all dieser Probleme heißt „Nachhaltigkeit“ – mehr schon eine neue Utopie als nur eine Zielsetzung. Selbstverständlich soll sie erreicht werden, ohne der Wirtschaft zu schaden. Das Pariser Abkommen oder die UN Agenda 2030 „Transforming our World“ (auch hier wird also vom Umbau der Welt gesprochen) sind globale Anstrengungen, wichtige weltweite Entwicklungsziele für Nachhaltigkeit und gegen den Klimawandel verbindlich zu fassen und den dringend notwendigen Maßnahmen einen koordinierten Rahmen zu geben. Die Weltpolitik versucht also gegenzusteuern, noch nicht entschlossen genug, aber die wichtigsten Probleme sind zumindest identifiziert. Aber nicht nur an Politik und Wirtschaft stellen die Nebenwirkungen der Technik neue Anforderungen, auch vom Einzelnen wird in diesem Zuge verlangt, dass er umdenkt und sein Verhalten ändert. In der Regel meint dieses Umdenken sich hie und da sich ein wenig einzuschränken und einige umwelt- oder gesundheitsschädliche Verhaltensweisen aufzugeben. Weniger Fleisch, weniger Langstreckenflüge, auf das eigene Auto wenn möglich verzichten, weniger Nahrungsmittel wegwerfen, etwas länger auf das neue Handy warten, öfter mal eine öko-fair hergestellte Jeans kaufen und dergleichen. Verdient das schon die Bezeichnung „Umdenken“? Noch andere Widersprüche tun sich auf. Der schwedische Bestsellerautor Johan Norberg besteht darauf: „Uns ging es noch nie so gut wie heute“. Sein kapitalistisches Manifest ist ein leidenschaftliches Plädoyer für Globalisierung und freie Märkte. Doch auch wer im Überfluss und in relativer Sicherheit lebt kommt vielleicht irgendwann zur Erkenntnis, dass technischer Fortschritt, lang anhaltendes Wirtschaftswachstum und selbst materieller Wohlstand nicht von sich aus schon ein gelungenes Leben garantieren. Dass gutes Leben noch anderes braucht als materiellen Überfluss. Jedenfalls scheint der Glauben an die goldenen Zeitalter durch technischen Fortschritt zu schwinden – und zwar ebenfalls global.

Beide Erzählungen sind hinreichend bekannt, weder habe ich Lösungsvorschläge noch wirklich neue Gesichtspunkte beizutragen … außer vielleicht einem, aber auch der ist nicht neu, vielmehr wiederentdeckt. Vielleicht deutet das „Knirschen im soziotechnischen System“ ja auf eine tiefer liegende gesellschaftliche Verwerfung hin. Eines der großen Probleme könnte lauten: Wir haben die Technik bisher geistig überhaupt nicht bewältigt! Dafür fehlt uns – so die These – ein umfassendes Verständnis und echte Bildung in dem was die Griechen ehedem Poiesis nannten. Poiesis ist, neben Theorie und Praxis, eine Grundform menschlicher Vernunft. Während die theoretische Vernunft das Vorhandene reflektiert und analysiert, die praktische Vernunft die Regeln unseres (politischen, moralischen, etc.) Verhaltens erstellt, fragt die Poiesis nach den Formen des Denkens, die dem Machen und Herstellen zugrunde liegen. Nicht die äußerlichen Fragen der Technik, etwa auf welche Weise wir etwas Entwerfen, Herstellen und in die Welt bringen können, stehen dabei im Zentrum, sondern die Analyse des Denkens das hinter allem Planen, Erzeugen und Produzieren wirksam ist und damit die eigentliche Basis bildet, auf der wir unsere Lebenswelt so radikal umbauen. Es geht um eine andere Situierung des Technischen in der Gesellschaft und darum die technische Vernunft zu bilden. Insbesondere sind hierfür die institutionell manifestierten Trennungen zwischen theoretischer, praktischer und poietischer Vernunft zu überwinden. Bewusstes und entschiedenes Nicht-Machen obwohl der Zweck und die Mittel da wären, und zwar als selbstverständliche Entscheidung der Techniker und nicht irgendeiner Ethikkommission, wäre noch die einfachste Spielvariante eines gelungenen ganzheitlichen technischen Denkens, das nicht von vorne herein den eingefahrenen Denkgräben von Theorie, Praxis und Poiesis zuzurechnen ist. Stattdessen paart sich Handy-Fetischismus noch immer mühelos mit kompletter Ablehnung „der Technik“ als einem langweiligen, kulturlosen und zweckbestimmten Fächerkanon. Auch wenn es uns heute so erscheint, Technik ist nicht unlösbar mit oberflächlicher Zweckrationalität verbunden, wir müssen Technik nur endlich ernstnehmen, nicht als zu kurz gedachten Fortschrittsgaranten, sondern und als zutiefst menschliche Fähigkeit. Und vor allem müssen wir sie auch so in den Schulen unterrichten und in der Praxis betreiben. Es muss auch nicht so sein, dass die kulturelle Reflexion der technischen Entwicklung immer nur als gesellschaftlicher Reparatur- und geistiger Reinigungsbetrieb hinterherräumt. Neue Spiel- und Verständnismöglichkeiten ergeben sich beispielsweise dort wo technisches Machen jenseits aller Zweckrationalität zu ästhetischem Handeln wird. Die Kunst kann hier also Wichtiges leisten!

Auf dieser Webseite sind einige Texte zu finden, die einen alternativen Zugang zur Technik zumindest thematisieren, wenn auch leider noch nicht weit genug erproben. Das Ganze ist zudem einschränkt auf den Bereich des so genannten Digitalen, den Algorithmen und Maschinen beziehungsweise dem, was wir Informations- und Kommunikationstechnologien nennen, was hier aber – immerhin – disziplinlos betrieben wird. Man könnte den Ansatz auch anthropozentrisch nennen, riskiert dann aber die Anklage, man wolle die gerade mühsam überwundene Zentralstellung des menschlichen Subjekts rehabilitieren. Das ist sicher nicht das Anliegen. Nicht der Mensch soll im Zentrum des Universums reinstalliert werden, sondern ein bedeutendes Feld seines Handelns, die Technik, soll überdacht werden. Anthropozentrisch ist der Ansatz in dem Sinne, dass Technik das Ergebnis eines zutiefst menschlichen Tuns ist und wir, die Ánthrōpoi, die Verantwortung für den irreversiblen technischen Umbau der Welt tragen. Salopp gesagt: Aus der Nummer kommen wir nicht raus. Die Frage in welcher Welt wir leben, können wir vielleicht noch als Summe disziplinärer Stellungnahmen beantworten, sie auch als intellektuelles Spiel oder als Erkenntnisaufgabe auffassen. Die Frage in welcher Welt wir in Zukunft leben wollen (oder auch zwangsweise leben müssen) ist dagegen im Kern poietisch. Dafür müssen wir zuallererst unser „Machen“– heute heißt das vor allem unsere Technik – „geistig in den Griff“ bekommen. Das geht nur bei konsequenter Vernachlässigung der absurden Grenzen zwischen geisteswissenschaftlichen, künstlerischen und natur- und technikwissenschaftlichen Denkschulen. Was künstlich getrennt wurde kann durch Interdisziplinarität auch nicht wieder zusammengeführt werden, Disziplinlosigkeit dürfte das probatere Mittel sein. Um den Umbau der Welt auf eine andere Basis zu stellen brauchen wir ein anderes Denken in der Technik und ein anderes Verhältnis zur Technik. Zu lange wurde Technik wie eine Naturwissenschaft behandelt und gelehrt. Ein Missverständnis mit verheerenden Folgen. Naturwissenschaftliches Wissen ist für die Technik nur interessant, solange man Neues damit machen kann. Wenn man damit den Umbau der Welt weiter vorantreiben kann. Technik interessiert sich überhaupt nicht für „Wahrheit“ im naturwissenschaftlichen und philosophischen Sinn, sie erzeugt Fakten. Dafür braucht es vor allen eine Haltung zur Welt und eine Vorstellung, in welcher Welt man leben will. Mit Wahrheiten kommen wir in der Technik nicht weiter, was wir brauchen, ist eine neue Erzählung!

Juli 2019
Ausführlicher Text: Reenacting_Poiesis